Abstract
Wir haben die Erde nie wirklich gesehen, sie war uns immer nur ein Acker. Ein Feld. Nutzfläche. So klagt Antigone über den Menschen. Seine Konzepte liegen in Trümmern, eine Krise folgt der anderen. Viel zu lange wähnte er sich als unangefochtener Herrscher über den Planeten, dehnte seine Tyrannei ständig aus, bis er jeden Bereich des terrestrischen Lebens als Ressource ausbeuten konnte. Jetzt, da die Menschen einer globalen Klimakatastrophe entgegenblicken, weisen die Finger der Seher auf uns. Wir sind die Schuldigen von Pandemien und Katastrophen. Wir haben die Zeichen ignoriert, den „Anspruch an die Zukunft“ verraten. Wir dachten, wir könnten dem Schicksal, unserer Abhängigkeit von den terrestrischen Rahmenbedingungen, entkommen. Jetzt, da die Geschichte vor unseren Augen weltweit zu wirken beginnt, müssen wir beschämt einräumen, dass wir unsere Herkunft verkannten und Kinder der Erde sind. Die Herrschaftsverhältnisse kehren sich um. Was wir für die Bühne unseres Handelns hielten, zeigt sich als das wahre Subjekt unserer Geschichte: Der Planet selbst.
„Anthropos, Tyrann (Ödipus)“ ist ein Theaterabend an der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft. Fünf Darstellerinnen steigen mit renommierten Wissenschaftler:innen in die Tiefen dieses männlichen Mythos ein und verbinden große Themen des Stücks wie Verantwortung, Schuld, Hoffnung oder Schicksal mit den beunruhigenden Erkenntnissen der Klimaforschung. Dabei erfährt die Geschichte um den Fluch beladenen Ödipus eine Revitalisierung im Zeichen gegenwärtiger Krisen: Der Mensch muss sehen, die Beziehungen endlich ernst nehmen, in denen er lebt.