Abstract
Erzählen als kulturelle Praxis ist ein wesentlicher Bestandteil des Menschseins (vgl. Wulf 2019). Bevor es die Schrift gab, wurden Geschichten mündlich in Form von Mythen, Legenden, Fabeln, epischen Gedichten, Gesängen, Reimen, Liedern, Gebeten, Sprichwörtern und vielem mehr erzählt. Über alle Gattungen, Zeiträume und Kulturen hinweg wurden Geschichten schon immer erzählt, um zu unterhalten, zu informieren, sich über kulturelle Praxen, Traditionen und gemeinsame Werte zu verständigen und sie zu verbreiten. Das Erzählen von Geschichten ist ein so zentraler Bestandteil der menschlichen Natur, dass der Homo sapiens, der denkende Mensch, treffender als Homo narrans, der erzählende Mensch, bezeichnet werden könnte, da wir dazu neigen, die Welt durch Erzählungen zu organisieren und zu interpretieren, die unserem Leben eine Form geben (vgl. Barthes 1975; Fisher 1987; MacIntyre 1981). Von klein auf wachsen Kinder in narrative Kontexte hinein und eignen sich erzählend Sprache und Literatur, Selbst und Welt an, indem sie mögliche Welten imaginieren (Bruner 1986).
Bruner stellt dar, dass es zwei Arten des Denkens gibt, zwei unterschiedliche, aber kom-plementäre menschliche kognitive Aktivitäten, die an der Konstruktion der Realität und der Ordnung von Erfahrungen beteiligt sind: Die erste Art des Denkens ist der paradigma-tische Modus, der auf dem Verständnis der Welt durch empirische Entdeckung, Analyse und Erklärung basiert; die zweite ist der narrative Modus, der versucht, der menschlichen Erfahrung durch das Erkennen von Mustern und Zusammenhängen, die menschlichen Ent-scheidungen und Handlungen zugrunde liegen, einen Sinn zu verleihen, eine Art, Erkennt-nisse über sich selbst und die Welt jenseits der formalen Prozesse der wissenschaftlichen Untersuchung zu gewinnen (Bruner 1986: 11–12).
Insbesondere die in pädagogischen und fachdidaktischen Kontexten häufig vernachlässigte zweite Perspektive des narrativen Modus des Denkens wird in diesem Themenheft fokus-siert, dessen übergreifendes Thema den besonderen Stellenwert hervorhebt, den Geschichten und das Erzählen in der menschlichen Wahrnehmung und im kulturellen Ausdruck ein-nehmen. Auf der Grundlage unterschiedlicher konzeptioneller und empirischer Ansätze untersuchen die neun Beiträge des Heftes, wie das Erzählen von Geschichten dazu beiträgt, menschliche Erfahrungen auszudrücken und sie durch kontextualisierte Erfahrungen zu gestalten. Die Artikel konzentrieren sich insbesondere auf mehrsprachige und interkultu-relle Dimensionen menschlicher Interaktion, wie sie im Erzählen konstruiert werden, und verdeutlichen die besondere Bedeutung von Erzählungen im Umgang mit sprachlicher und kultureller Vielfalt. [...]
Einige Artikel zeigen die Bedeutung des Geschichtenerzählens in mehrsprachigen und multimodalen Situationen des Spracherwerbs in mehrsprachigen Familien auf. Andere ver-deutlichen das sprachlich-literarische Lernpotenzial des Geschichtenerzählens mit mehr-sprachigen Gruppen in zweit- und fremdsprachlichen Bildungskontexten. Wieder andere Artikel stützen sich auf mehrsprachige und multimodale Geschichten in der Kinderliteratur oder im narrativen Spiel, um Ideen für sprachlich-literarisches Lehren und Lernen in schu-lischen Kontexten vorzuschlagen.