Abstract
Im interdisziplinären Vergleich zeigt sich die schleichende Marginalisierung der frühen deutschen Sprach- und Literaturgeschichte ebenfalls. Denn insbesondere die Geschichtswissenschaft, die der Germanistik ohnehin schon als produktives Gegenbeispiel einer öffentlichkeitswirksamen Wissenschaft vorgehalten wird, scheint selbst für das reichlich ferne Frühmittelalter keine vergleichbare disziplinäre Deflation zu kennen wie die Deutsche Philologie. Dies mag damit zusammenhängen, dass die kulturwissenschaftlichen Erweiterungen, die in den geisteswissenschaftlichen Einzeldisziplinen allenthalben zu verzeichnen sind, die Geschichtswissenschaft zu einem großen kulturwissenschaftlichen Spielfeld erweitert haben, während sie das Feld der Literaturwissenschaften auflösen. Geschichte wird gerade in ihrer je neuen Auflösung kulturell interessant, die Literatur dagegen wird flüchtig. Für die Sicht auf die Geschichte der Literatur, die in der Entwicklung der Sprache und ihrer frühen Medien beginnt, müsste das aber zweierlei bedeuten: Einerseits wäre die Betrachtung der Sprach- und Literaturzeugnisse noch stärker historisch-interdisziplinär auszurichten, andererseits wäre innerdisziplinär stärker an aktuelle methodische Entwicklungen anschließen.