Abstract
Die Frage nach dem Entstehungsort und nach dem Auftraggeber des Codex Buranus ist bisher ohne zufriedenstellende Antwort geblieben. Die Frage nach dem Auftraggeber des Codex Buranus kann jedoch nur gestellt werden als Frage nach einer Intention, die philologisch fassbare Spuren in der Handschrift hinterlassen hat.
Der hier skizzierten Antwort liegt der Versuch zu Grunde, mit Hilfe der letzten vom Hauptschreiber h1 kopierten Stücke den „Sitz im Leben“ dieser enigmatischen Handschrift zu rekonstruieren. Die Zuordnung von CB 226 und den Spielen CB 227 und 228 zur Reform der nachweihnachtlichen tripudia der jungen Kleriker, speziell des Bakelfestes, lässt einen Schwerpunkt der Kompilation erkennen, der die bisher in der Forschung privilegierte Figur des kunstsinnigen Mäzens, der die Handschrift gleichsam zu seinem Privatvergnügen anfertigen ließ, ausschließt.
Die Vorstellung, die weltlichen Lieder seien in Form von Liederbüchern für eine bestimmte Zeit in den Bereich einer geistlichen Institution aufgenommen worden, um dort kopiert zu werden, und seien dann der Welt zurückgegeben worden, um sodann für alle Zeiten zu verschwinden, ist eine mögliche Darstellung der Entstehungsbedingungen des Buranus. Eine andere sieht den entgegengesetzten Weg vor: Nicht die Handschriften seien „gewandert“, sondern der Auftraggeber sei auf einer Reise an den Ort der handschriftlichen Vorlagen gekommen und habe dort die Kopie in Auftrag gegeben, um sie nach Abschluss der Arbeit an den geplanten Bestimmungsort zu bringen.
Die Ursprungsfrage des Buranus ist vor dem Hintergrund der unterschiedlichen Wege zur Schriftlichkeit im hohen Mittelalter zu stellen.