Abstract
Neben der gesetzgebenden, der vollziehenden und der richterlichen Gewalt werden traditionelle Medien aufgrund ihrer öffentlichen Kritik- und Kontrollfunktion meist als weitere, vierte Gewalt im demokratischen Staat angesehen. Abseits ideologisch motivierter Anklagen im Stil von „Fake News“ oder „Lügenpresse“ stellt sich von wissenschaftlicher Seite jedoch die Frage, inwieweit die in den klassischen Massenmedien publizierten, nach ihrem Nachrichtenwert und der jeweiligen Blattlinie ausgewählten Informationen und Meinungen nicht vielfach gerade das breite Spektrum der Öffentlichkeit auf einige wenige dominante Sichtweisen reduzieren. Im Kontext alternativer Gestaltungsräume und neuer Öffentlichkeiten rücken daher zunehmend soziale Medien ins Blickfeld, da diese einerseits neben Politik und Justiz auch die Arbeit traditioneller Medien kritisch reflektieren und andererseits durch die Umgehung klassischer Gatekeeper auch bisher ungehörten Stimmen und Themen eine öffentliche Plattform bieten. Soziale Medien stellen somit einen virtuellen Möglichkeitsraum dar, in dem Gegendiskurse und Gegenöffentlichkeiten entstehen können (Dahlberg 2011, Habermas 1990, Fraser 1990, Mouffe 2005). Trotzdem ist die Frage, inwiefern digitale Netzwerkmedien als fünfte Gewalt eine konstruktive Funktion im demokratischen System übernehmen, umstritten.
Im Artikel wird zunächst die Rolle klassischer Medien als vierter sowie sozialer Medien als fünfter Gewalt auf Basis des Forschungsstandes zum Thema diskutiert. Nach einem kurzen Überblick über die wesentlichen Charakteristika von Twitter wird daraufhin auf Basis der online verfügbaren Informationen zur Corporate Identity und zu den Leitbildern des Unternehmens das Selbstverständnis des Echtzeitmediums vor dem Hintergrund seiner angenommenen Rolle als fünfter Gewalt reflektiert und mit realen Anwendungsmustern (Couldry 2012) verglichen. Im Anschluss werden soziale Medien im Licht der Gender-Frage diskutiert und die methodologischen Grundlagen vorgestellt, die die daran anschließende qualitative Analyse leiten. Ziel des Beitrages ist es, am Beispiel des Mikrobloggingdienstes Twitter qualitativ zu untersuchen, wie sich in Zusammenhang mit verbalen Attacken gegen Frauen als öffentliche Rednerinnen (Gegen-)Diskurs und (Gegen-)Öffentlichkeit auf Twitter gestalten und, darauf aufbauend, inwiefern soziale Medien als fünfte Gewalt Kritik- und Kontrollfunktion übernehmen.