Abstract
Das Erzählen von Geschichten gibt als essentielle menschliche Aktivität nicht nur unsere Identität wieder, sondern bildet diese zugleich. In Anthropologie, Psychologie und Historiographie wird vermehrt untersucht, wie diese Narrative unsere symbolischen Welten bedingen (White 1987, 57). Orte des Judentums – wie Synagogen, Bibliotheken oder Begräbnisstätten – lesen sich in Europa als Kommunikationsräume, die sich jenseits nationaler Grenzen vor allem durch diskursive Wissensstrukturen bilden (Hahn 2014). Als Orte des kommunikativen Gedächtnisses vermitteln sie in einer mündlichen Weitergabe des Erfahrenen zwischen den Generationen.
Auch für den Deutschunterricht ist das kulturelle Gedächtnis von besonderer Bedeutung. Am Beispiel von Anne Franks Tagebuch lässt sich dies exemplifizieren. Zum einen tritt Frank im weiteren Sinne als Zeitzeugin auf: Sie erzählt in ihrem Tagebuch anschaulich, wie sehr der Antisemitismus ihre Jugend prägte, sodass sich schließlich ihre Familie in einem Amsterdamer Hinterhaus jahrelang versteckt halten musste, bis sie, denunziert, dort gefangen genommen wurden. Anne Frank kam im Konzentrationslager ums Leben, doch ihr Tagebuch, das ihr Vater nach dem 2. Weltkrieg veröffentlichte, gibt einen unmittelbaren Einblick in das jüdische Leben unter nationalsozialistischer Diktatur. Zugleich handelt es sich um eine textuell vermittelte Kommunikation zwischen der Zeitzeugin Anne Frank und nachfolgenden Generationen, die u.a. mithilfe des konkreten Erinnerungsraumes „Anne Frank Haus“ hergestellt wird. Die Leser*innen werden so zu aktiven Teilhaber*innen am Verstehensprozess und der Deutschunterricht zur Grundlage, um das geschichtliche Verständnis der Schüler*innen mithilfe von Sprache und Text zu vertiefen.