Abstract
Malerei beginnt nie mit einer weißen Leinwand. Die unbemalte, scheinbar leere Leinwand ist nämlich immer schon übersäht von einer Flut an Bildern, sei es aus der Geschichte der Malerei, sei es aus dem Alltag der Malerin. Zum einen sind es berühmte oder bekannte Bilder, die die Malerin verinnerlicht hat und die sie im Akt des Malens nicht nur inspirieren, sondern auch heimsuchen. Wie lässt sich aber malen, ohne immer wieder ins Klischee zu verfallen? Immer wieder dieselbe kubistische Komposition, dieselbe fauvistische Farbvariation? Wie kann eine Malerin ihr Bild auf die Leinwand bringen, trotz der virtuellen Präsenz aller anderer Bilder?
Aber die Originalität des Ausdruckts ringt nicht nur mit der Geschichte der Malerei und ihren Konventionen. Die Bilder, die der modernen Malerin ins Atelier folgen, kommen zum anderen auch aus dem Alltag. Im Alltag begegnet sie immer wieder denselben, d.h. wiedererkennbaren und auch wiedererkannten Bildern. Eine Seerose bleibt eine Seerose, nicht nur für die Malerin, sondern für alle anderen auch. Bereits der Impressionismus hat aber gezeigt, dass im Alltag mehr steckt als der gewohnte Blick erkennen lässt: nicht nur eine Seerose, sondern die Seerose. Die moderne Malerei strebt danach, nicht nur mit kunsthistorischen Konventionen zu brechen, sondern auch mit der Banalität des Alltags, dem Figurativen. Hierzu gibt es nicht nur den Weg über die Abstraktion der Form, es gibt auch den Weg über die Sensation der Figur. Vor allem Paul Cézanne ist diesen zweiten Weg gegangen, auch Francis Bacon. Maria Lassnig ging ihn auf ihre Weise. Mit ihren Körpergefühlsbildern revolutionierte sie die darin zum Ausdruck gebrachte Logik der Sensation. Wie ihr das gelungen ist, war ihr selbst zeitlebens ein Geheimnis. Im Folgenden soll dieses Geheimnis ergründet werden.