Abstract
Niklas Luhmanns `allgemeine Theorie sozialer Systeme` (Luhmann 1984) steht für einen vitalen, selbstgewissen Spätkapitalismus, der sich selbst durchaus nicht als `spät` begreifen will, sondern - vermittelt über Mikroelektronik, Gentechnologie usw. - beachtliche Entwicklungspotentiale vor sich sieht. Allerdings sieht er sich auch mit den `neuen sozialen Bewegungen` konfrontiert, die nicht nur angesichts einer schleichenden aber kumulativen ökologischen Bedrohung zunehmend die Frage nach dem Sinn des Ganzen stellen, sich durch Konsum- und Freizeitindustrie nicht mehr verblenden lassen wollen, und nach gesellschaftlichen Lösungen Ausschau halten, die auch sinnvolle individuelle Lebensformen zulassen, was seine Legitimationsbasis nicht unerheblich beeinträchtigt. Daher muß er sich selbst so darstellen, als ob er durch seine Systemmechanismen in der Lage wäre, die gestellten gesellschaftlichen Probleme anzugehen und individuellen Lebensansprüchen Raum zu bieten. Dies erfordert aber nicht nur mehr oder minder populäre Konzepte, wie z.B. den durch high-technology forcierten Einstieg in die `postmaterialistische Informationsgesellschaft` oder `Postmoderne`, und den parallel dazu scheinbar zwanglos möglichen `ökologischen Umbau der Industriegesellschaft`, sondern auch eine ideologische Selbstbeschreibung dieser Gesellschaft, die auf hohem theoretischen Niveau Geltungs- d.h. Wahrheitsanspruch anmeldet. Einer bürgerlichen Soziologie, die auf der Höhe der Zeit steht, kann es also nicht nur um die Durchsetzung des mit den `neuen Technologien` verbundenen Innovationsschubs gehen, sondern um das Gesamtkonzept einer `modernisierten kapitalistischen Gesellschaft`, die ihre grundlegenden sozioökonomischen Funktionssysteme fortentwickelt, was gleichzeitig veränderte Legitimationsmuster erfordert. In der begrifflichen Stringenz des Niklas Luhmann erscheint die heutige Gesellschaft folgerichtig als in `funktionale Subsysteme ausdifferenziert`. Diese erbringen ihre Leistungen durch handelnden Vollzug einer jeweils kommunikativen Eigenlogik, die lediglich durch im sozialtechnologischen Kalkül gewonnene `funktional äquivalente` Problemlösungen verbessert werden können. Den menschlichen Individuen, die er in der Umwelt dieser Funktionssysteme -ja der Gesellschaft überhaupt ansiedelt, bleibt nurmehr die Wahl den Ansprüchen dieser Eigenlogik zu folgen, oder als Störfaktoren zu gelten, sofern sie sich nicht in Räume abdrängen lassen, in denen ihr Protest oder soziales Engagement folgenlos bleiben muß.