Abstract
Anhand der Analyse geschriebener Quellen zu europäischen Varietäten des Bairischen und einer Feldforschung mit drei Hutterinnen werden binnenbairische Mundarten und die hutterische Sprachinsel in Bezug auf die Ausbreitung der Lautentwicklung /xs/ → [ks] verglichen: Während dieser Prozess in Europa nicht über Wortgrenzen hinweg wirkt und über Morphemgrenzen hinweg in der Flexion und in Komposita nur vereinzelt und unregelmäßig (hauptsächlich im Zentralbairischen) auftritt, ist sie im Hutterischen in allen Kontexten produktiv. Dabei scheint sich im Hutterischen nicht nur die alte gesamtbairische Entwicklung erhalten zu haben, sondern bei bestimmten Informantinnen hat sich der Prozess auch auf die Kontexte vor /ʃ/ und /f/ ausgebreitet. Ob der /x/‑Laut von einem historischen /x/ oder ‑ stammt, spielt dabei keine Rolle. Die Wort‑ und Satzstruktur spielt nur insofern eine Rolle, dass Strukturen, die längere Sprechpausen erlauben (wie z.B. über Wortgrenzen hinweg) eine niedrigere Wahrscheinlichkeit der Durchsetzung der Lautentwicklung aufweisen. Dass die Lautentwicklung /xs/ → [ks] in bairischen Mundarten nur noch in fossilisierter Form vorkommt, in der hutterischen Sprachinsel aber produktiv und durchgängig auftritt, erklären wir anhand des Sprachinsel-Statuts des Hutterischen: Sprachentwicklungen, die sich von einem Dialekt zu einem anderen verwandten und geographisch benachbarten Dialekt ausbreiten, können Sprachinseln nicht erreichen und bleiben dort unbekannt.