Abstract
In aktuellen Debatten um städtische Vielfalt liegt der Diskussionsfokus auf Prozessen der Grenzziehung zwischen Personengruppen, die sich über Merkmale, wie beispielsweise Herkunft oder ökonomische Indikatoren, voneinander differenzieren. Nachbarschaften, die aus gemeinsamen Aktivitäten wie Festen entstehen, bleiben unberücksichtigt. Der Artikel zeigt, dass sich eine kulturgeographische Perspektive auf Spiele und Feste für die Erforschung von Grenzziehungsprozessen städtischer Nachbarschaften anbietet.
Ausgehend vom Konzept „tiefes Spiel“ von Clifford Geertz (1973/1983b) wird am Beispiel der Stadtnachbarschaften Sienas gezeigt, dass innerhalb der Festlichkeiten um ein jährlich stattfindendes Pferderennen, den sogenannten Palio, herum, die Gemeinschaftsgrenzen der Nachbarschaften in verschieden Dimensionen – sozial, kulturell, emotional und materiell – dargestellt und verhandelt werden. Diese Dimensionen werden durch Repräsentationen während der Festlichkeiten miteinander verschränkt. Die Repräsentationen sind dabei als performative Praktiken der Herstellung kollektiver Identitäten zu verstehen, die zu spezifischen Organisationsmustern der Stadt führen. Das Konzept „tiefes Spiel“ stellt für die Geographie das Analysewerkzeug bereit, mit dem die multidimensionalen Prozesse der Grenzziehung erforscht werden können. Die Ausführungen basieren auf Interviews und Beobachtungen, die während Aufenthalten in Siena 2014 und 2015 gemacht wurden.