Abstract
Der Desertion - so kann man abschließend resümieren - galt als der wohl bedeutendsten Form der militärischen Verweigerung die große Aufmerksamkeit des Militärs. Besonders in den letzten beiden Kriegsjahren, als die Fahnenflucht auch in Tirol größere Ausmaße annahm, widmeten sich die Militärbehörden intensiver der Analyse von Ursachen und Motiven Fahnenflüchtiger, die in einer Vielzahl von subjektiven Befindlichkeiten und objektiven Gegebenheiten zu suchen sind. Der Bekämpfung des Desertionsproblems stand ein ebenso komplexes wie vielfältiges Instrumentarium an Maßnahmen zur Verfügung, die von der rein technischen Frontsicherung bis hin zu Repressivmaßnahmen reichten, wie sie die Vermögensbeschlagnahmung und die Einstellung der Unterstützungsbeiträge darstellten. Zusammenfassend kann festgehalten werden, daß die der Fahnenflucht zugrunde liegenden Motivlagen vielfältig waren und das Phänomen Desertion in struktureller Hinsicht von räumlichen, zeitlichen und personenbezogenen Bedingtheiten beeinflußt war. Genuin politische Motive spielten für den Fluchtentschluß eine lediglich untergeordnete Rolle. Das Kaleidoskop Fahnenflucht bedingender soldatischer Motivlagen umfaßt aber um so mehr individuell-persönliche und in der traumatisch empfundenen konkreten Kriegserfahrung zu suchende Ursachen. Nicht nur der Vollzug der Desertion, sondern auch das Leben auf der Flucht barg eine Fülle von Gefahren in sich. Die Desertion im Frontbereich, vor allem die Desertion >zum Feind<, war durch eine Fülle von Kontroll und Abriegelungsmaßnahmen ungleich risikoreicher als jene in der Etappe und im Hinterland, wo es Deserteuren gelang, monate-, teilweise auch jahrelang unterzutauchen. Leben und Uberleben auf der Flucht war von den täglichen Problemen der Nahrungs- bzw. Unterkunftsbeschaffung und der Angst geprägt, von den Behörden gestellt zu werden. Dann drohte nämlich unter Umständen die Todesstrafe, die aber wiederum - so die Ergebnisse der quantitativen Analyse - nur äußerst selten vollzogen wurde.
The article deals with the desertion of soldiers from Tyrol and Trentino during World War I. The phenomenon of desertion is analysed from different perspectives: the normative definition, the reaction of the military, the proceedings of the military jurisdiction, the reasons for desertion and the everyday life of the deserters. The reasons why soldiers deserted were numerous. Genuine political convictions, however, only played a minor role when soldiers decided to desert. Much more important were traumatic experiences of the war or personal reasons. Not only the desertion as such, but also life as a runaway soldier involved many dangers. Compared with deserting in the hinterland, where it was possible to disappear for months or even years, deserting when fighting at the front line was riskier because of a wide range of control measures. Life and survival on the run were characterised by the daily problems concerning food on the one hand and the fear of being discovered on the other. But while desertion was punishable by death, according to a quantitative analysis, death sentences were very rarely carried out.