Abstract
Die moderne Pathologie beschäftigt sich mit krankhaften Prozessen im Körper, insbesondere mit der morphologischen Diagnostik von benignen und malignen Tumoren. Fehlbildungen, Infektionen, degenerative Gelenkerkrankungen oder Traumata werden von spezialisierten klinischen Fachgebieten diagnostiziert und therapiert. In der Paläopathologie hingegen werden sämtliche krankhafte Veränderungen – inklusive der Verletzungen – thematisiert, die klassischerweise nicht der Pathologie zugeordnet werden. Der Begriff Pathologie ist somit in diesem Zusammenhang nicht selbsterklärend. Wir haben ihn dennoch verwendet, da er in der Fachliteratur gebräuchlich ist.
Die klinischen Folgen einer krankhaften Veränderung werden von zahlreichen medizinischen
Fachgruppen thematisiert. Die Entscheidung, ab wann eine Erkrankung therapierelevant ist, wird
dabei von klinisch tätigen Ärzten getroffen. Die medizinische Interpretation (Therapierelevanz)
einer Pathologie oder eines Traumas an Skelettmaterial ist ein zentraler Punkt, wenn es um den
„Krankheitswert“ eines Befundes geht. Bisherige Paläopathologie-Lehrbücher, zumeist in englischer Sprache, legen den Schwerpunkt auf die Diagnostik von Erkrankungen und zeigen die klinische Relevanz nur selten auf. Unseres Erachtens ist allerdings genau dieser Punkt entscheidend, wenn es um die Rekonstruktion der Erkrankungen und der Lebensumstände in (prä)historischen Gesellschaften geht. Aus diesem Grund haben wir neben der Beschreibung einer Erkrankung/eines Traumas mit dazugehörigem Bildmaterial der vorgefundenen Skelettveränderung auch medizinische Anmerkungen eingefügt. Dies soll dem Leser die medizinische Einschätzung einer ossären Veränderung erleichtern. In der Paläopathologie werden häufig medizinische Sachverhalte aus paläopathologischen Publikationen – also aus Sekundärliteratur – zitiert.
Diese ist vielfach veraltet. In Anbetracht derart unzureichender Quellen sollte grundsätzlich der
aktuellen medizinischen Literatur Vorzug eingeräumt werden. Hierbei sind vor allem Review-Publikationen in renommierten Zeitschriften (z. B. Lancet, New England Journal of Medicine (NEJM) oder Deutsches Ärzteblatt) sowie etablierte Fachbücher (z. B. „Skelettradiologie“ von Greenspan und Beltran oder „Grenzen des Normalen und Anfänge des Pathologischen in der Radiologie des kindlichen und erwachsenen Skeletts“ von Brossmann, Czerny und Freyschmidt) als verlässliche Wissensquelle anzusehen. Medizinische Case Reports sind in diesem Zusammenhang ungeeignet, da sie meist eine spezielle (und seltene) Problematik thematisieren und keine evidenzbasierte Kausalität wiedergeben