Abstract
Die hier aufgearbeiteten Sprachbiographien – lebensgeschichtliche Erzählungen zum Erwerb von mehreren Sprachen – geben aus der Sicht der Betroffenen Antworten auf wichtige mit dem Spracherwerb zusammenhängende Fragen: Welche Sprachen und Dialekte spielten in der frühen Kindheit, in der Schule, im Freundeskreis und später im Berufsleben eine Rolle? Wie und unter welchen Umständen hat sich das mehrsprachige Repertoire verändert? Welche Lernstrategien waren subjektiv erfolgreich? Welche Erinnerungen, Emotionen und Einstellungen werden mit unterschiedlichen Sprachvarietäten verbunden? Wie die Beiträge dieses Bandes zeigen, gewinnen Einzelaussagen zu individuellen Erfahrungen mit der Mehrsprachigkeit an Aussagekraft, wenn sie in ihrer inhaltlichen und formalen Integration in biographische Erzählstrukturen erfasst werden; typische Verläufe des Erwerbsprozesses in seiner biographischen Einbettung werden dank des Vergleichs verschiedener Fallbeispiele deutlich. Die Beschäftigung mit sprachbiographischen Erzählungen kann so Anstösse für eine Sprachtheorie geben, die am Sprachgebrauch interessiert ist und das System Sprache als Aufbau und Ausbau von Fähigkeiten in Wechselwirkung mit der kommunikativen Umwelt sieht.