Abstract
Teilhabe an der Sprachgemeinschaft auf der Grundlage sozialer Kognition und Motivation ist nach den Erkenntnissen von Tomasello (2009) und von Hrdy (2009) keine externe Kategorie des Zusammenlebens, sondern die in ontogenetischer wie phylogenetischer Sicht „notwendige“ kognitive Voraussetzung für das Entstehen und den Gebrauch von Sprache. Diese neue Sicht auf die Sprache hat bedeutende Konsequenzen für die Analyse, die Planung und die Gestaltung von gesteuerten Spracherwerbsprozessen, vor allem in Lernsituationen, die in engem Kontakt mit Sprechern der neuen Sprache erfolgen. Dass in solchen Situationen der Lernerfolg keineswegs begünstigt wird, sondern geradezu behindert erscheint (Südtirol ist ein Paradebeispiel dafür), ist der heuristische Ausgangspunkt für den hier vorgestellten Neuansatz.
In meinem Vortrag werde ich Daten der Beobachtung von weitgehend durch Fossilisierung bestimmten Lernprozessen der deutschen Sprache durch italophone Lernende vor dem Hintergrund jüngerer theoretischer Ansätze (Tomasello 2006, 2009, Fitch 2007, Fitch 2008, Hrdy 2009, Wray-Grace 2005) interpretieren und theoretische wie praktische Probleme im Bereich des Lernens von Sprachen ansprechen. Es ergibt sich dabei ein Bild der Sprache, bei dem einige ihrer Merkmale als Ausdrucksmittel besonders deutlich hervortreten, so die prosodische Gestaltung von Informationsstrukturen, die idiosynkratische Bindung an den jeweils als pertinent erfahrenen Kontext, sowie Formen von konventionalisierter Rede in Mehrwort-Konstruktionen.
An konsolidierten Erfahrungen mit „struggling language learners“ kann gezeigt werden, dass die Sprachgemeinschaft gerade in Momenten hoher Spezialisierung auf Persönliches und Zufälliges besonders „offen“ ist für Neuankömmlinge. Künstlerisch gestaltete Sprechakte können in dieser Perspektive zu privilegierten Momenten des Zugangs zur neuen Sprache werden. Eintrittspforten sind dabei Sprechakte, die stark mit Motivationen und Emotionen verbunden sind, erkennbar auch an der persönlichen prosodischen Gestaltung, die also reich sind an gerade jenen Elementen, die von Anfängern kaum wahrgenommen und genutzt werden.
Auf dieser Grundlage werden Wege für den Anfängerunterricht zur Diskussion gestellt die – ausgehend von Problemen des Deutschunterrichts in Südtirol – zielgerichtet als Vorbereitung zur Teilhabe an der Sprachgemeinschaft dienen.