Abstract
Obwohl sprachliche Variation auf dem Kontinuum zwischen Dialekt und Standard weite Teile des deutschen Sprachraums maßgeblich prägt, scheint sie im Deutschunterricht im Allgemeinen eine untergeordnete Rolle zu spielen (vgl. Abel 2024, Pibyl-Resch/Unterberger/Kasier/Ender 2023, Hofer 2020, de Cillia/Ransmayr 2019). Der Fokus liegt auf einer an einem schriftsprachlichen Standard orientierten Norm (vgl. Steinhoff 2019). Dass aber neben der Standardsprache dialektale bzw. regiolektale Variation im Deutschunterricht ebenfalls Platz haben soll, geht aus den Lehrplänen verschiedener Länder und Regionen hervor, beispielsweise aus Österreich und Bayern.
Das gilt auch für Südtirol: Laut institutionellen Vorgaben bildet zwar der Ausbau der Kompetenzen in der Standardvarietät das zentrale Ziel der schulischen Bildung, aber auch andere Varietäten, besonders der Dialekt, sind in den Bildungszielen vertreten (vgl. Rahmenrichtlinien DE GS-MS, Rahmenrichtlinien DE OS, Rahmenrichtlinien IT GS-MS, Rahmenrichtlinien IT OS). Allerdings lassen sich ein einigermaßen ambivalentes Verhältnis bzw. Unsicherheiten sowohl gegenüber der Nichtstandard- als auch der Standardvariation, insbesondere wie sie in der Plurizentrik konzeptualisiert ist, erkennen (vgl. Abel 2024, Platzgummer 2021, Hofer 2020). Das betrifft schulische Vorgaben, didaktische Materialien und Unterrichtspraxis gleichermaßen (vgl. Abel 2024).
Der Vortrag versucht, der Genese und Verfestigung von Normvorstellungen im Südtiroler Schulkontext nachzugehen und den Status sprachlicher Variation in einem grundsätzlich an innerer und äußerer Mehrsprachigkeit (vgl. Rahmenrichtlinien DE GS-MS, Rahmenrichtlinien DE OS, Rahmenrichtlinien IT GS-MS, Rahmenrichtlinien IT OS) orientierten Normenverständnis der lokalen Bildungswelt kritisch zu reflektieren. Außerdem soll die Rolle von Lernervarietäten oder möglichen emergenten Kontakt-Varietäten des Deutschen in die Diskussion um schulische Normvorstellungen einfließen (vgl. Auer 2013, Kerswill/Wiese 2022).