Abstract
Mit dem Aufkommen interaktionsorientierter Texte in der informellen digitalen Kommunikation wird der Dialekt oft in geschriebener Form verwendet. Besonders im süddeutschen Sprachraum ist dies beobachtbar und wurde in der linguistischen Forschung für unterschiedliche Kommunikationsformen wie SMS (z. B. Dürscheid & Stark 2013), Facebook (Glück & Glaznieks 2019) und WhatsApp (Felder 2020) beschrieben. Dabei wurde unter anderem auf die Frage eingegangen, wie der Dialekt verschriftet, d. h. welchen Verschriftungsprinzipien dabei gefolgt und in welchem Ausmaß sich dabei an der orthographischen Norm orientiert wird. Phonographisches Schreiben wurde als eine Erklärung für die festgestellten Abweichungen von der Standardschreibung, die phonetisch-phonologische Merkmale des Dialekts repräsentieren sollen, angeführt. Einige Muster der standardsprachlichen Orthographie bleiben allerdings bei der Verschriftung des Dialekts erhalten, trotz der unterschiedlichen Aussprache im Dialekt. Die neu entstehenden Schreibdialekte weisen daher oft sowohl dialektnahe als auch standardnahe Verschriftungsmuster auf.
Annahmen zur Phonem-Graphem-Korrespondenz bei dialektnahen Schreibungen basieren allerdings häufig nicht auf vergleichbaren empirischen Daten, sondern bestenfalls auf dem Vergleich unterschiedlicher Datenquellen, beispielsweise von einem Korpus mit Dialekttexten mit einer Darstellung der Aussprache des betreffenden Dialekts in einem Sprachatlas. In unserem Vortrag wollen wir das Verhältnis zwischen geschriebenem und gesprochenem Dialekt in den Fokus rücken. Wir stellen eine Untersuchung vor, in der wir WhatsApp-Nachrichten mit mündlichen Aufnahmen derselben Personen verglichen haben. Die Personen waren Universitätsstudentinnen und stammen aus Südtirol. Im Zentrum des Vergleichs standen vier kennzeichnende Merkmale südbairischer Dialekte und ihre Ausprägung im gesprochenen bzw. ihre Repräsentation im geschriebenen Dialekt. Bei den untersuchten Merkmalen handelt es sich um die s-Retraktion vor Konsonanten, die Neutralisierung des Fortis-Lenis-Kontrasts zwischen /b/ und /p/ in Anlautstellung, die Entrundung gerundeter Vorderzungenvokale sowie um postvokalische r-Laute.
Die Untersuchung hat gezeigt, dass bei den genannten Phänomenen sowohl standardnahe (z. B. s-Retraktion in /ʃt/ verschriftet als statt ) als auch dialektnahe Verschriftungen vorkommen (z. B. pissl tuior ‘ein bisschen teuer’). Eine Besonderheit stellen dialektnahe Verschriftungen dar, deren Aussprachevariante aber standardnäher ist und nicht mit der Schreibvariante übereinstimmt (z. B. Verschriftung , ausgesprochen [ʏbə(ʀ)] statt Vinschgerisch [ibʀ̩]). Die Variation in den Schreibpräferenzen lässt sich anhand einer festen Hierarchie von phonetischen, phonologischen und graphematischen Prinzipien des Dialekts und des Standards erklären.
Literatur:
Dürscheid, Christa & Elisabeth Stark (2013): Anything goes? SMS, phonographisches Schreiben und Morphemkonstanz. In: Neef, M. & Scherer, C. (Hrsg.): Die Schnittstelle von Morphologie und geschriebener Sprache. Berlin: de Gruyter, 189—209.
Felder, Samuel (2020): Individuelle Verschriftungsmuster in schweizer-deutschen WhatsApp-Chats. In Androutsopoulos, J. & Busch, F. (Hrsg.): Register des Graphischen. Variation, Interaktion und Reflexion in der digitalen Schriftlichkeit. Berlin: de Gruyter, 93—131.
Glück, Alexander & Aivars Glaznieks (2019): Geschriebener Dialekt in Südtiroler Facebook-Texten. In: Linguistik online 99, 6/19, 79—95. [http://dx.doi.org/10.13092/lo.99.5965]