Abstract
Die Richtlinie 2010/64/EU über das Recht auf Dolmetschleistungen und Übersetzungen in Strafverfahren in der EU war ein Wendepunkt in Gerichts- und Polizeidolmetschen, da sie eine qualitativ hochwertige Verdolmetschung während des gesamten Verfahrens anstrebt. Die Qualitätsanforderungen an den Dolmetschakt sind vielschichtig, jedoch gilt die korrekte Anwendung der Terminologie als wesentliches Qualitätskriterium. Um Kommunikationsprobleme zu vermeiden, ist die Beschäftigung mit Terminologie unabdingbarer Bestandteil des Dolmetschaktes: vor, während und nach dem Dolmetscheinsatz. Dolmetscherinnen und -dolmetschern stehen Strategien und Hilfsmitteln zur Verfügung, um sich auf Terminologie effizient vorzubereiten, Terminologiebestände einzusetzen und nachhaltig zu pflegen. Technische Lösungen können Arbeitsschritte unterstützen.
Im Sommer 2021 nahmen 101 professionelle Gerichtsdolmetscherinnen und -dolmetscher in Österreich und Italien an einer Online-Umfrage zu ihrer Kenntnis der terminologischen Grundprinzipien teil. Die Sammlung quantitativer Daten zu diesem Thema füllt eine Forschungslücke, da bisher ausschließlich qualitative Daten verfügbar waren. Der Beruf wird vorwiegend von Frauen über 60 freiberuflich ausgeübt. 55% der Umfrageteilnehmenden sammelt immer/oft Terminologie, tut dies aber mit dafür schlecht geeigneten Mitteln, d.h. mit Textverarbeitungsprogrammen (63%) und auf Papier (49%). Terminologiearbeit wird oft aus Zeitmangel vernachlässigt. Nationale und internationale Terminologienormen sind nur einem Drittel der Teilnehmenden bekannt. Sie behaupten die terminologischen Grundprinzipien (Begriffsorientierung, Benennungsautonomie, Datengranularität und -elementarität) in ihren Terminologiesammlungen zu befolgen, bei der Wahl zwischen verschiedenen Beispieleinträgen bevorzugen sie jedoch mehrheitlich jene, die gegen genannte Prinzipien verstoßen. Im Mittelpunkt stehen für die Befragten Kürze und Lesbarkeit. Aspekte wie Datenaustausch, -wiederverwendbarkeit und maschinelle Verwaltung bleiben eher unberücksichtigt. Die Umfrageergebnisse werfen relevante Fragen hinsichtlich der (technologischen) Fortbildungsbedürfnisse dieser alternden Berufsgruppe im Bereich Terminologie, der Förderung der Zusammenarbeit und des Datenaustauschs bzw. der Rolle der Berufsverbände auf.