Abstract
Ethnographische Daten sind für sich genommen enigmatisch, was sowohl ihre Stärke als auch einen anhaltenden Kritikpunkt darstellt. Aktuelle Forderungen nach erhöhter Nachvollziehbarkeit im Forschungsfeld knüpfen an die langjährige Kritik am Modell des ‚lone ethnographer‘ an, das bestenfalls als unzuverlässig und schlimmstenfalls als rassistisch oder kolonialistisch betrachtet wird (z.B. Rosaldo 1989). Die gemeinsame Nutzung oder Weitergabe von Daten – sei es in einem Forschungsteam oder in einem Repositorium – wurde als Mittel vorgeschlagen, um die Vertrauenswürdigkeit dieser Art von Forschung zu erhöhen. Es gibt jedoch einige Vorbehalte (Cooper 2007, Reyes 2018, Murphy et al. 2021), die unter anderem die Kompatibilität der Forschungsparadigmata von Ethnographie einerseits und Open Science (OS)-Bewegung andererseits betreffen. OS basiert auf einem positivistischen Forschungsparadigma, bei dem Daten aus der natürlichen Welt gesammelt und von den Forschenden lediglich sortiert und nicht von deren Subjektivität geprägt werden. In diesem Paradigma können andere Forschende, die nicht an der Datenerhebung beteiligt waren, frühere Analysen scheinbar verifizieren oder falsifizieren. Dieses Paradigma berücksichtigt jedoch nicht, dass die Interpretation ethnographischer Daten auf einer Integration „weicher“ und „harter“ Daten (z.B. Erinnerungen und Videos; Pool 2017) beruht und dass Produktion und Analyse solcher Daten von der Reflexivität der Forschenden abhängen (Hammersley & Atkinson 1983). Das Teilen ethnographischer Daten ist selbst dann eine Herausforderung, wenn diese mit den in die Ethnographie involvierten Personen selbst geteilt werden, z.B. in schulbasierten Ethnographien (Baker & Green 2007, Barrantes-Elizondo 2019, Copland & Donaghue 2021), aber das Teilen über dieses lokale Publikum hinaus stellt weitere und unterschiedliche Herausforderungen dar, die neue Werkzeuge und Überlegungen erfordern (Weber 2017, Astrupgaard et al. 2023). Angesichts der rechtlichen, ethischen und affektiven Bedenken im Zusammenhang mit dem Teilen ethnographischer Daten (Röttger-Rössler & Rizzolli 2023) stellt sich die Frage, inwieweit dies wünschenswert oder überhaupt möglich ist.
Dieser Beitrag befasst sich mit einigen Herausforderungen und Möglichkeiten der Weitergabe ethnographischer Daten in zwei Forschungsprojekten an Schulen und Kitas im Nordosten Italiens, in denen auf verschiedenen Ebenen innerhalb und außerhalb der Projekte Daten geteilt wurden. [Projekt1] sammelte Feldnotizen und Tonaufnahmen sowie deren Transkripte und teilte solche Transkripte in Datenanalyse-Workshops a) mit den am Projekt teilnehmenden pädagogischen Fachkräften und b) mit Forschenden, die nicht am Projekt beteiligt waren und c) in Fortbildungen mit pädagogischen Fachkräften, die nicht am Projekt beteiligt waren. Darüber hinaus wurden alle Daten dem Forschungsteam eines Folgeprojekts zur Verfügung gestellt. [Projekt2], ein partizipatives Forschungsprojekt, sammelte eine Kombination aus Feldnotizen, Fotos, Ton- und Videoaufnahmen für zwei Zwecke: erstens, diese in Reflexionssitzungen mit denselben Lehrpersonen zu teilen, in deren Klassen sie erhoben wurden, und zweitens, sie in einem Open-Access-Forum für Lehrpersonen über die am Projekt beteiligten Schulen hinaus zu teilen. Da [Projekt 2] am Open Research Data Pilot der Europäischen Kommission teilnimmt, wurde die Planung für die Datenweitergabe von Anfang an in das Projekt integriert, in Absprache mit Ethikkomitees, Webentwicklern, Sprachtechnologen und dem CLARIN-Repository-Netzwerk. Zusammen ermöglichen beide Projekte eine differenzierte Reflexion über die ideologischen, ethischen und technologischen Dilemmata der Weitergabe von Daten in der Ethnographie sowie konkrete Möglichkeiten, diese zu bewältigen.
Bibliographie
Astrupgaard, S. L., Lohse, A., Gregersen, E. M., Salka, J. H., Albris, K., & Pedersen, M. A. (2023). Fixing Fieldnotes: Developing and Testing a Digital Tool for the Collection, Processing, and Analysis of Ethnographic Data. Social Science Computer Review, 0(0).
Baker, W. D., & Green, J. L. (2007). Limits to Certainty in Interpreting Video Data: Interactional Ethnography and Disciplinary Knowledge. Pedagogies: An Int’l Journal, 2(3), 191–204.
Barrantes-Elizondo, L. (2019). Creating Space for Visual Ethnography in Educational Research. Revista Electrónica Educare, 23(2), 361–375.
Cooper, M. (2007). Sharing Data and Results in Ethnographic Research: Why This Should Not Be an Ethical Imperative. J. of Empirical Research on Human Research Ethics, 2(1), pp. 3-19.
Copland, F., & Donaghue, H. (2021). Linguistic Ethnography. In Analysing Discourses in Teacher Observation Feedback Conferences. Routledge.
Hammersley, M., & Atkinson, P. (1983). Ethnography: Principles in practice. London: Tavistock.
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Röttger-Rössler, B., & Rizzolli, M. (2023). Opening Up Ethnographic Data: When the Private Becomes Public. In Affective Formation of Publics. Routledge.
Weber, F. (2017). Towards a digital architecture of reflexive ethnographic data. Ethnography, 18(3), 287-294.