Abstract
Der Wert und Zweck von audio(visuellen) Aufzeichnung ansonsten flüchtiger Interaktionsphänomene ist in verschiedenen linguistischen Teilbereichen wie der Sprachrevitalisierung, der artikulatorischen Phonetik, der variationistischen Soziolinguistik und der linguistischen Anthropologie gut dokumentiert. Um solche Daten weitergeben zu können, mussten sie in der Vergangenheit in ein schriftliches Medium umgewandelt werden, was (1) eine Filterung durch die Augen und Ohren eines Forschenden(teams) darstellt, (2) eine textuelle Repräsentation durch subfeldspezifische Transkriptionskonventionen erfordert, welche die allgemeine Zugänglichkeit der Daten unnötig reduziert, und (3) das Risiko birgt, die Integrität komplexer, kontextabhängiger, soziokulturell kontingenter Interaktionsdaten zu schwächen (Bucholtz 2000). Die digitale Aufzeichnung und internetvermittelte Verbreitung von audiovisuellen Daten bieten heute mögliche Lösungen für die drei oben genannten Probleme. Andererseits stellen diese neuen Möglichkeiten die Forschenden aber auch vor neue ethische und – durch Anpassungen der rechtlichen Rahmenbedingungen – rechtliche Probleme.
In diesem Beitrag werden Fallstudien von linguistisch-ethnographischen und anderen angewandt linguistischen Projekten herangezogen, um die technologischen Möglichkeiten und ethischen Überlegungen zu veranschaulichen, die für die Erhebung, Verwaltung und Weitergabe audio(visueller) Daten erforderlich sind. Anhand konkreter Beispiele aus den Projekten (z. B. Einverständniserklärungen, Datenverwaltungspläne, Repositories; siehe z. B. Leone-Pizzighella 2023) reflektieren wir über die potenziellen Zwecke, Vorteile und Fallstricke, die sich ergeben, wenn audio(visuelle) Daten – und nicht nur deren Übertragung in Textform - offen zugänglich gemacht werden (oder auch nicht).
Literatur:
* Bucholtz, M. (2000). The politics of transcription. Journal of Pragmatics, 32(10), 1439-1465. https://doi.org/10.1016/S0378-2166(99)00094-6
* Leone-Pizzighella, A. R. (2023). Data Management Plan - STEMCo v1.2.0 (1.2.0). Zenodo. https://doi.org/10.5281/zenodo.10406517