Abstract
Die Autonome Provinz Bozen-Südtirol im Norden Italiens ist eine besondere Region in den Alpen, die nicht erst seit ihrer politisch-rechtlichen Stabilisierung im Jahre 1972 multikulturell und mehrsprachig ist. Spätestens seit Mitte der 1990er Jahre lassen sich auch im Zusammenhang mit Migrationsbewegungen deutliche Veränderungen bezüglich der Präsenz und der Wahrnehmung von kultureller und sprachlicher Vielfalt feststellen und so ist die Region heute weder „italienisch“ noch „deutsch“ noch „österreichisch“ und weder ein- noch zwei- noch dreisprachig.
Der Beitrag stellt sowohl aktuelle Entwicklungen in der Sprach- und Bildungspolitik dar als auch bestehende Kooperationen und ausgewählte Projekte von Bildungs- und Forschungs-institutionen in der immer vielfältiger werdenden Region Südtirol, die zu einem gelingenden Umgang mit Migrations- und Integrationsfragen beitragen.
Während die Südtiroler Politik eher auf Trennung der drei autochthonen Sprachgruppen ausgelegt ist, gibt es für den Bereich der Integration neue Institutionen wie die Sprachenzentren, welche 2007 auf der Grundlage eines sprachgruppenübergreifenden Konzepts als landesweite Zentren zur Förderung der Integration von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund gegründet wurden. Mit ihnen werden in der Zusammenarbeit mit lokalen Bildungsträgern große Fortschritte in der individualisierten Integration von SchülerInnen mit Migrationshintergrund und auch in der Fortbildung von Lehrpersonen für die Herausforderungen im Umgang mit wachsender Vielfalt erreicht.
In aktuellen Forschungsprojekten in und über Südtirol wird untersucht, wie es gelingen kann, eine Wertschätzung aller Sprachen, die sprachliche Förderung in den Schulsprachen und Language Awareness im Rahmen einer inklusiven Bildung zu integrieren. So ist vor allem das an der Europäischen Akademie Bozen beheimatete Projekt „Sprachenvielfalt macht Schule“ inter-disziplinär ausgerichtet und kann wichtige Hinweise für den Stand der aktuellen Mehrsprachig-
keits- und Migrationsforschung aber auch für die Integrierte Sprachdidaktik in Südtirol bieten. Eine Pilotstudie, die 2012 für das Projekt an zehn Südtiroler Mittelschulen durchgeführt wurde, gibt wichtige Hinweise zu aktuellen Repräsentationen von Mehrsprachigkeit und die Ergebnisse der in Interviews und schriftlichen Befragungen erhobenen Daten von über 300 Befragten dienen als Grundlage für die weitere Zusammenarbeit mit Schulen in der ganzen Region in wissenschaftlich begleiteten Schulprojekten. Daran anknüpfend untersucht eine seit 2013 an der Universität Wien betreute Dissertation zum Thema „Konzepte zum Umgang mit Sprachenvielfalt an Südtiroler Schulen“, wie Bildungsinstitutionen aller drei Sprachgruppen mit der „alten“ traditionellen Mehrsprachigkeit und vor allem auch mit der „neuen“ sprachlichen Diversität ihrer SchülerInnen umgehen. Ein Ziel dabei ist es zu zeigen, inwiefern die Südtiroler Bildungswelt aufgrund ihrer langjährigen Erfahrung im Umgang mit mehreren Sprachen bereits über effektive pädagogische Konzepte im Sinne einer Mehrsprachigkeitsdidaktik verfügt.
Insgesamt werden auch zukünftige Entwicklungen in der Südtiroler Bildungswelt von der Frage geleitet sein, wie in dem strukturell auf Inklusion ausgerichteten Schulsystem eine sprach- und integrationsbezogene Förderung im Migrationsbereich und gleichzeitig auch eine Mehrsprachigkeitsförderung für alle SchülerInnen erreicht werden kann.