Abstract
Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge sind Kinder und junge Menschen unter 18 Jahren, die sich in Abwesenheit ihrer Eltern, Verwandten oder gesetzlichen Vormündern in ausländischem Territorium befinden. Der italienische Begriff minori stranieri non accompagnati bezieht sich spezifisch auf jene Minderjährigen, die keinen Asylantrag gestellt haben. In der Praxis ist diese strikte begriffliche Trennung kaum einzuhalten, nicht zuletzt weil der Asylantrag meist nicht unmittelbar nach der Ankunft gestellt wird und Minderjährige, die einen Asylantrag stellen, sowie jene, die dies nicht tun, gemeinsam untergebracht sind. In diesem Text werde ich den Begriff unbegleitete minderjährige Flüchtlinge verwenden, unabhängig davon ob der Flücht-lingsstatus beantragt oder anerkannt wurde, und auch für jene jungen Menschen, bei denen laut Autoritäten berechtigte Zweifel an der Minderjährigkeit bestehen.
Globalisierungsprozesse sowie daraus resultierende Konflikte, wirtschaftliche Notlagen, Umweltdesaster und andere Umstände drängen eine wachsende Zahl Minderjähriger dazu anderswo eine bessere Zukunft zu suchen, ohne ihre Familien. Im Ziel- oder Transitland angekommen leben sie eine hochkomplexe Situation, die maßgeblich von drei Aspekten geprägt ist: Der Kindheit bzw. Jugend als Lebensphase, der Unterbringung außerhalb der Herkunftsfamilie sowie der Migrationserfahrung. Alle drei Faktoren bergen in sich ein gewisses Grundrisiko in Bezug auf soziale Inklusion und Sicherheit. Zusätzlich ist der Alltag von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen oft durch multiple und dauerhafte Limbo-Situationen belastet: Die (dauerhafte) Legalisierung des Aufenthaltsstatus, temporäre Unterbringung, das Hoffen auf Integration in Bildungseinrichtungen oder Erwerbstätigkeit erfordern Geduld. Dennoch bewegen sich die meisten unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge erstaunlich leichtfüßig in einer fremden Gesellschaft und wahren trotz aller Hürden Handlungsfähigkeit. Während die gegenwärtige Literatur sich meist mit Risiken (Devi 2016; Flynn/Tessier 2011; Seg-lem/Oppedal/Raeder 2011), Traumata (Huemer u.a. 2011; Keles u.a. 2016; Streeck-Fischer 2016) und Schutzbedürftigkeit bzw. Vulnerabilität (Autorità Garante per l'Infanzia e l'Adolescenza 2015; Galloway/Smit/Kromhout 2015; Kohli 2014) beschäftigt, ist im wissenschaftlichen Diskurs längst auch eine Ressourcen-, Resilienz- und Agency-Perspektive angelang.