Abstract
Migration in ihren verschiedenen Formen steht in engem Zusammenhang mit einigen Besonderheiten Südtirols – räumlichen, historischen, demografischen, politischen und kulturellen. In diesem Kapitel werfen wir zunächst einen Blick auf die historischen Prozesse, die seit Beginn des 20. Jahrhunderts Zu- und Abwanderung sowie Wanderungen innerhalb Südtirols beeinflussten. Einen Sonderfall stellt hier Graun im Vinschgau dar, wo die Bewohner und Bewohnerinnen sich Mitte des vergangenen Jahrhunderts zwischen dem Verbleib in ihrem völlig verwandelten Heimatort oder einer Umsiedlung entscheiden mussten. Danach führen wir in den sogenannten Proporz ein, das System proportionaler Vertretung zum Schutz der historischen Minderheiten, das nun gefordert ist, einer veränderten Gesellschaft, mit neuen Minderheiten, Rechnung zu tragen. Der nächste Abschnitt befasst sich mit räumlichen Aspekten: Er beschreibt, welche Bevölkerungsverschiebungen es zwischen Land und Stadt gibt, wie sich Migration auf die Raumordnung und insbesondere die Gemeinnutzung von Flächen auswirkt, und warum beim Umgang mit Naturgefahren aus dem Ausland zugewanderte Menschen einbezogen werden müssen. Anschließend gehen wir noch auf Südtirol als Tourismusstandort und die damit verbundene Willkommenskultur ein, und schließlich stellen wir die lokale Erfahrung mit Migration in den Zusammenhang globaler Dynamiken und Debatten. Im abschließenden Interview ergründen wir anlässlich der jüngsten Zunahme von Asylsuchenden die symbolische Bedeutung der Brennergrenze.