Abstract
Bereits seit langem wird in der erziehungswissenschaftlichen Geschlechterforschung über die Frage von Mono- und Koedukation debattiert (vgl. Faulstich-Wieland (o.J.), Herwartz-Emden 2007). Obwohl die Koedukation mit der Hoffnung auf den Ausgleich geschlechtsbezogener Nachteile eingeführt wurde, kritisierte die feministische Schulforschung in den 1980er Jahren einen ‚heimlichen Lehrplan„, der dazu führe, dass sich die Schule an den Interessen von Jungen orientiere. Als Leidtragende galten Mädchen, die in Folge vor allem im MINT-Bereich und im sozialen Lernen durch monoedukative Angebote gestärkt werden sollten. Heute werden u.a. aufgrund schlechterer Schulabschlussbilanzen Jungen als Bildungsverlierer herausgestellt und die Monoedukation als potentielle Alternative wieder stärker in den Blick genommen. Allerdings ist die Forschungslage zu den Effekten von Mono- und Koedukation so disparat, dass eine eindeutige Priorisierung erschwert wird.
Im Rahmen eines aktuellen ethnographischen Forschungsprojektes an einem Gymnasium, das eine Jungen-, eine Mädchen- und eine koedukative Klasse parallel führt, werden zentrale Mechanismen der Herstellung von Geschlecht aufgezeigt und im Hinblick auf die Bedeutung des organisatorischen Kontextes diskutiert (Budde et al. 2014). Dabei lassen sich in der Gestaltung des Unterrichts und der Interaktion der Lehrpersonen mit den SchülerInnen spezifische vergeschlechtlichte Klassenkulturen identifizieren, die durch Dichotomie und Dramatisierung gekennzeichnet sind und zu Effekten führen können, die dem Bildungsauftrag abträglich sind.