Abstract
Deutsch-polnische Perspektiven auf die gemeinsame Geschichte sind wie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch elementar durch die Ereignisse des Zweiten Weltkriegs, durch die im Namen nationalsozialistischer Ideologie begangenen Taten und die Leiden der zahllosen unschuldigen Opfer geprägt. [...] Mit welchen Geschichten über die Zeit des Zweiten Weltkriegs heutige Jugendliche aufwachsen, hängt zu einem nicht geringen Teil [...] von den in den Familien (nicht) tradierten Geschichten ab. Insofern hat der schulische Unterricht, und zwar besonders der Geschichts- sowie der Literaturunterricht, die Aufgabe, daran mitzuwirken, welche Bilder von Nationalsozialismus und Holocaust, von Krieg, Besatzung und Kollaboration, von Flucht, Umsiedlung und Vertreibung sich ins soziale Gedächtnis in Polen und in Deutschland einschreiben. In der aktuellen deutschsprachigen bzw. ins Deutsche übersetzten Kinder- und Jugendliteratur nehmen die Themen Nationalsozialismus und Holocaust einen bedeutenden Raum ein (vgl. Lange 2002). Im Zuge des bevorstehenden Übergangs vom kommunikativen zum kulturellen Gedächtnis (s.u.) und der Heterogenität von Erinnerungsperspektiven sind literarische Texte zunehmend bedeutsam für die Ausbildung eines differenzierten historischen Bewusstseins (Jeismann 1997) der nachfolgenden Generationen. Der Anspruch an Literatur, einen Beitrag zur interkulturellen Verständigung zu leisten, bedarf jedoch einer empirischen Fundierung. Dies war der Ausgangspunkt meiner Dissertation Literarische Gespräche im interkulturellen Kontext (Hoffmann 2011). In einer qualitativ-empirischen Studie untersuchte ich die Rezeption von Mirjam Presslers zeitgeschichtlichem Jugendroman Malka Mai (2001) in Deutschland und in Polen. [...] In meinem Beitrag möchte ich literarische Gespräche gedächtnistheoretisch verorten und aufzeigen, wie der Roman Malka Mai von SchülerInnen im deutsch-polnischen schulischen Kontext rezipiert wird.