Abstract
Grafisch erzählende Geschichten wie Comics oder Graphic Novels [...] üben eine große Faszination (insbesondere auch) auf junge LeserInnen aus, auf Jungen wie Mädchen gleichermaßen. Sie laden ein zum ‚Schmökern‘, sowohl des ziellosen Stöberns sowie des genussvollen Verschlingens [...] in einer zwischen Bildern und Texten erzählten Geschichte. Lesen, Sehen und Imaginieren sind die zentralen Handlungen während des Rezeptionsprozesses (vgl. Dehn 2014, Uhlig 2014). Das selbstvergessene Lesen (vgl. Bertschi-Kaufmann 2014, 2) [...] steht im Gegensatz zum in der derzeitigen deutschdidaktischen Diskussion aktuellen Trainieren leistungsorientierter Lesestrategien, es zielt nicht auf zu erreichende Bildungsstandards ab, sondern geschieht um seiner selbst willen [...]. Nicht „effektiv genutzte Lernzeit“, die in der Lehrerbildung häufig als Kriterium für gelungene Unterrichtsstunden angesetzt wird, sondern ein zeitloses Versunkensein in der Lektüre steht hier im Mittelpunkt. Mit dem ‚schmökernden‘ Leser zeichnet es ein Gegenbild zum Menschenbild einer auf Standardisierung ausgerichteten Didaktik. Der dort angestrebte „planende, seine Verhaltensweisen kontrollierende, metakognitiv sich steuernde, sich seiner Zielsetzungen bewusste und über einsetzbare Strategien verfügende Mensch“ (Spinner 2005, 10, Hervorhebung im Original) wird auch von der Schulpraxis kritisiert: „Begriffe wie Muße, Pause, Eigensinn, Protest, Verantwortung und soziales Verhalten, alle nicht verwertbaren Aspekte der Kultur- und der Selbstbildung sind in diesem Menschenbild gestrichen.“ (Recke 2011, 18) Im Gegensatz zur Perspektive eines pragmatisch orientierten, vom ‚kompetenten Leser‘ ausgehenden Ansatzes einer reading literacy werden im vorliegenden Beitrag die Rezeptionsprozesse und sozialen Praktiken von Grundschulkindern im Umgang mit grafischen Narrationen in den Blick genommen aus der Perspektive einer emergent literacy (Wieler 2013), die ein „komplexes Konzept sprachlich-kulturellen Lernens“ (ebd., 48) umfasst und das Zusammenspiel „sozial-interaktiver, sprachlich-kognitiver, dialogischer und narrativer Komponenten für die Ausbildung von Sprache und Bewusstsein“ (ebd.) betont.
Im Folgenden sollen daher Kinder mit ihren individuellen Aneignungen grafisch erzählter Geschichten in einem offenen Unterrichtskontext zu Wort (und Bild) kommen. Die Prozesse des (genussvollen, intensiven und geselligen) Lesens, Sehens und Imaginierens rücken dabei in den Fokus. Hierzu wird ein erweiterter Schmökerbegriff verwendet, der sich auf den ‚wandernden‘ oder ‚tastenden‘ Blick (Uhlig 2014, 16) bei der (nicht linearen) Rezeption von grafischen Erzählungen bezieht und dabei – über die Aspekte des Herumstöberns und Vertiefens hinaus – Dimensionen des Verstehens, Deutens, Aushandelns, Versprachlichens, Gestaltens und Transformierens aufgreift.