Abstract
Ein Hof kommt unter den Hammer. Eine ländliche Zwangsversteigerung. Sie wird zum Kulminationspunkt der Geschichten. Über das Verlassenwerden. Über das Alleine-nicht-klar-kommen. Über öffentliche Entblößung und Erniedrigung vor den Nachbarn. Über die Existenz als Bauer, in und mit der Natur. Der Bauer Jean sinniert über sein Leben, während es zerpflückt wird und sich vor seinen Augen auflöst. Ein bäuerliches Schicksal und Psychogramm, das der Schweizer Schriftsteller Jean-Pierre Rochat – Aussteiger, Bauer und Pferdezüchter im Berner Jura – in Nebelstreif (2020) schildert. Ein tragisches Einzelschicksal auf dem Land!? Das würde man meinen. Doch leider nein. Es ist nur ein Beispiel für die prekäre Situation und mentale Verfasstheit einer ökonomisch gefährdeten und psychisch angeschlagenen Gruppe, die Rochats Roman auf eindrückliche Weise erfahrbar macht. Und damit von einer Realität erzählt, über die kaum gesprochen bzw. geschrieben wird – und die deshalb auch nur selten wahrgenommen wird. Aber genau das ist eben die Stärke der Literatur: Erzählen vom Ausgeblendeten, "Unsagbaren" oder schwer zu Fassenden. Und darum geht es in diesem Beitrag: Um Orte bäuerlicher und dörflicher Gemeinschaft, die sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und bis heute in Orte der Einsamkeit verwandelt haben. Mit Hilfe literarischer Texte wollen wir das Phänomen der Einsamkeit im ländlichen Raum besser verstehen. Wir wollen auf lesenswerte Werke über das Land aufmerksam machen; und zwar im Sinne dessen, was Peter Handke (1972: 19) meint, wenn er schreibt: »Ich erwarte von einem literarischen Werk eine Neuigkeit für mich, etwas, das mich, wenn auch geringfügig, ändert, etwas, das mir eine noch nicht gedachte, noch nicht bewusste Möglichkeit der Wirklichkeit bewusst macht, eine neue Möglichkeit zu sehen, zu sprechen, zu denken, zu existieren«.