Abstract
So wie die Sprachentwicklung nicht mit dem ersten gesprochenen Wort anfängt, so beginnt auch der Schriftspracherwerb nicht erst mit dem Tag der Einschulung. Kinder machen bereits vor der Einschulung vielfältige Erfahrungen mit mündlicher Sprache, Medien und Schrift: Sie beobachten, wie die Seiten eines Buches umgeblättert werden, lauschen der Dramaturgie einer erzählten Geschichte, sehen im Alltag überall Buchstaben, Wörter und Schriftzeichen, schlafen bei einem Hörspiel ein und werden mit einem Tablet oder einem Bilderbuch beschäftigt, wenn Eltern im Restaurant in Ruhe essen wollen. Die Kompetenzen, die Kinder in den ersten sechs Lebensjahren im Umgang mit Sprache, Schrift und Medien (nicht) erwerben, sind keine „Vor-Erfahrungen“ oder „Vorläuferfähigkeiten“ (Ramseger, 2007, S. 24) für das, was dann in der Schule gelernt wird, sondern bereits mehr oder weniger stark habitualisierte Praktiken, die ihnen ermöglichen, Sprache, Schrift und Medien so einzusetzen, dass es im jeweiligen sozialen und kulturellen Kontext ‚Sinn‘ ergibt: Sie können z. B. ein Buch von rechts nach links (oder bei anderer Schreib- und Leserichtung von links nach rechts) blättern, etwas Erlebtes so erzählen, dass es für Zuhörende nachvollziehbar ist, den Haken für das eigene Handtuch in der Kita am Namensschriftzug erkennen und mit einer fremden Person anders sprechen als mit den Eltern. Kinder werden also in die Praxis des Gebrauchs von Schrift, Sprache und Medien einsozialisiert: „Die Prominenz der Kulturtechnik Schrift und die ihr zugeschriebenen ,Konsequenzen‘ für Denken und Lernen haben lange den Blick auf die Tatsache verstellt, dass Techniken nur abhängig von den Praktiken funktionieren, in die sie eingebunden sind bzw. eingebunden werden“ (Feilke, 2016, S. 256). Nicht der Erwerb der Techniken des Lesens und Schreibens verändert das Verhältnis eines Menschen zu sich selbst, zu anderen und zur Gesellschaft, sondern es sind die Praxen und Praktiken des (Vor-)Lesens, Erzählens, Schreibens und Nutzens von Medien, die Bildungsprozesse initiieren, motivieren und am Laufen halten.