Abstract
Bildung wird in bildungstheoretischer Tradition als individueller, aktiver und gestalterischer Prozess verstanden, der von gesellschaftlichen Anforderungen und institutionellen Beschränkungen gerahmt ist (Fuchs 2012, Helsper et al. 2012, Marotzki 1990). Übergänge im Bildungssystem können als komplexe Statuspassagen gesehen und sowohl als kritische Lebensereignisse als auch als Entwicklungsimpulse interpretiert werden. Die Herausforderungen der Transition vom Kindergarten in die Grundschule kann in engem Zusammenhang mit existenziellen sozialen, emotionalen und kognitiven Entwicklungsaufgaben von Kindern und mit biografischen (Bildungs-)Prozessen, die sich außerschulisch ereignen, gedeutet (Barquero et al. 2008, Equit/Ruberg 2012) und im pädagogischen Handeln berücksichtigt werden.
Entscheidend ist die Frage, wie gut die Bildungsinstitutionen Kindergarten und Grundschule aufeinander abgestimmt sind: Worin unterscheiden sich Kindergarten und Grundschule und worin sind sie sich ähnlich? Dabei sind die pädagogischen Ausrichtungen der Elementarpädagogik des Kindergartens und der Primarpädagogik der Grundschule genauso zu berücksichtigen, wie die Struktur- und Prozessmerkmale der jeweiligen Einrichtung (vgl. Faust, o.J.: 2). Ein wesentlicher Punkt ist dabei die pädagogische Passung der Angebote im Kindergarten und in der Grundschule, damit das Kind in seiner Entwicklung entsprechend unterstützt und gefördert werden kann. Ein zweiter Punkt sind die Unterschiede zwischen Kindergarten und Grundschule, da von pädagogisch genutzten Diskontinuitäten Entwicklungsanregungen ausgehen können (vgl. z.B. Griebel/Niesel 2004, S. 136f.). Vom Kindergarten in die Grundschule zu wechseln bedeutet für das einzelne Kind einen Statusgewinn: Das Kind erwirbt mehr Unabhängigkeit und neue Kompetenzen, gleichzeitig muss das Kind mehr Verantwortung für das eigene Lernen übernehmen. Diese neuen und erhöhten Anforderungen erlebt das Kind im Übergangsprozess. Es muss mit Unsicherheit, mit neuen Personen und Räumen, mit den eigenen Erwartungen und den Erwartungen von Eltern und Lehrern umgehen lernen. Dazu benötigt es in besonderem Maße Sozialkompetenzen, Frustrationstoleranz, Selbstbewusstsein und die Bereitschaft, in einer neuen Gruppe zu lernen (vgl. Akgün, 2007).
Ein wesentliches Element ist dabei die personelle Kooperation zwischen den pädagogischen Fachkräften im Kindergarten und den Grundschullehrkräften. Da das schulische Lernen auf den frühen Bildungserfahrungen aufbaut, muss der pädagogische Dialog mit dem Ziel, lernbereichsspezifisch zusammenzuarbeiten und die domänenspezifische Anschlussfähigkeit der Lernprozesse in Kindergarten und Grundschule zu sichern, fortgeführt und intensiviert werden. Aber keinesfalls soll dadurch der vorschulische Bildungsauftrag auf Schulvorbereitung eingeengt werden. Kindergarten und Grundschule als Bildungsinstitutionen haben hierbei insbesondere die Aufgabe der Persönlichkeitsentwicklung (vgl. Fend/Pekrun 1991; Fend 2006) wahrzunehmen, um eine gelingende Bewältigung der Transition für jedes Kind zu ermöglichen.
Anhand eines kooperativen Projekts zur gemeinsamen, auch räumlichen Gestaltung des Übergangs vom Kindergarten in die Grundschule in Südtirol, werden die unterschiedlichen und die geteilten Überzeugungen der pädagogischen Fachkräfte und der Lehrpersonen eines Kindergartensprengels bzw. eines Schulsprengels vorgestellt. So kann der bildungstheoretische Blick auf die Transition durch den Blick der pädagogisch Tätigen bereichert werden.