Abstract
Der Beitrag gibt Einblicke in die unterrichtliche Rezeption von Bilder(bücher)n in mehrdimensional heterogenen Lerngruppen. Heterogenität in ihrer Vielschichtigkeit (Alter, Geschlecht, Sprache, soziale Herkunft etc.) wird dabei nicht als Sonderfall, sondern als konstitutiv für schulische Lerngruppen betrachtet (vgl. Krüger-Potratz 2005, 101). Kinder kommen mit sehr verschiedenen familialen Leseerfahrungen, Lektürevorlieben und Erwartungen ans Lesen zur Schule und nehmen dort das vielschichtige Angebot unterschiedlich auf. Mit Blick auf die individuumsbezogene Unterschiedlichkeit von Rezeptionsweisen, die als Anknüpfungspunkt für die Formulierung von Lernangeboten genutzt wird, eignen sich Bilder(bücher) auf spezifische Weise zur Arbeit mit heterogenen Lerngruppen: Da sie sich gerade durch Vieldeutigkeit – etwa in Bezug auf ihre perspektivische Erzählweise oder ihre symbolische und stilistische Bildsprache – auszeichnen, bieten sie per se differenzierte Schreib-, Erzähl- und Gesprächsanlässe. Darüber hinaus lassen Bilder(bücher) an die visuell geprägten Medienrezeptionsgewohnheiten von Kindern anknüpfen und deren Motivationspotenzial nutzen (vgl. Naujok 2012).
Besondere Lernpotentiale liegen in Transformationsprozessen zwischen Bildern und Sprache (vgl. Dehn 2007). Mit Bezug auf das psychologische Bildverstehensmodell Weidenmanns (1988) verweist Dehn auf die Notwendigkeit, sich auf Bilder einzulassen, sich dabei mit Fremdheit, Mehrdeutigkeit und Widrigkeiten auseinanderzusetzen, Unsichtbares zu imaginieren und innere Bilder entstehen zu lassen. Diese inneren Bilder mit Wissen und Erfahrungen zu verknüpfen und zu versprachlichen, ermöglicht einen reflexiven Umgang mit ihnen und einen Austausch mit anderen. Als didaktische Konsequenz formuliert Dehn zwei Phasen der Auseinandersetzung mit Bildern: Beim ‚Fokussieren des ersten Blicks‘ geht es um eine Verlangsamung und Intensivierung der Bildrezeption, etwa im Gespräch über Bilder, um an Erfahrungen und Wissensbestände anknüpfen, diese gegebenenfalls umstrukturieren und so ein kohärentes inneres Bild entwerfen zu können; ‚Transformationsprozesse‘ dienen dazu, das Unbestimmte sichtbar und handhabbar
zu machen, sie können sich u.a. im Schreiben zu Bildern vollziehen.
Vor diesem didaktischen Hintergrund sind Schülertexte zu Bilder(bücher)n in zwei heterogenen Lerngruppen entstanden. In einer Lerngruppe wurden die Bilder des mehrperspektivisch erzählenden Bilderbuchs ‚Stimmen im Park‘ von Browne (1998) als Bilderbuchkino präsentiert und die SchülerInnen erzählten
und schrieben die Geschichten der verschiedenen ProtagonistInnen. Eine andere Lerngruppe betrachtete verschiedene Illustrationsreihen zu ‚Hänsel und Gretel‘, bekam ein Bilderbuchkino vorgeführt und jedes Kind schrieb zu einer individuell ausgewählten Illustration. Die in beiden Studien durch die symbolisch dichte
Bildsprache angeregten Transformationsprozesse zwischen Bildern und Sprache werden in Hinblick auf ihre lernpotentiellen Momente speziell in heterogenen Lerngruppen befragt. In der zweiten Studie werden zuvor noch die individuellen Bildauswahlprozesse in den Blick genommen.