Abstract
Die Art und Weise, wie Menschen sich ernähren, ist weitestgehend nicht physiologisch determiniert, sondern Ergebnis von Sozialisationsprozessen, von formal strukturierter Bildung, von normativ-intentional durchdrungener Ess- und Ernährungserziehung sowie von informellen, auf Erfahrungen und Praxis beruhenden (Selbst-) Bildungsprozessen in alltäglichen Lebenswelten und Milieus, in welchen (miteinander) gegessen wird.
Kinder werden im Alltag zum einen durch das Einbezogen-Sein und die Beteiligung an der Praxis von Essen und Ernährung in der Familie und auch in Kindertageseinrichtungen ‚wie von selbst‘ in Ess- und Ernährungskulturen einsozialisiert. Zum anderen sind diese in besonderer Weise normativ strukturiert und damit Gegenstand von Sorge- und Erziehungsbeziehungen: Die Frage, wann, was, wie viel und wie gegessen wird, beschäftigt Eltern und auch Pädagog:innen in Kitas tagtäglich und ist immer wieder auch Anlass für Diskussionen, Kontroversen und Konflikte. Schließlich hat die zunehmende Anerkennung von Kitas als wichtigen Bildungsorten auch dazu geführt, dass Essen als Bildungsbereich konzeptualisiert und dementsprechend mit Lern- bzw. Kompetenzzielen verknüpft wird. Fachkräfte sind demzufolge aufgerufen, Essenssituationen – didaktisch vorbereitet und gestaltet – dazu zu nutzen, Kinder zu bilden. Die verschiedenen theoretischen Diskurse, in denen das Thema Essen aktuell verortet wird, werden im Kapitel 2 vorgestellt und im Hinblick auf ihre Implikationen für die Kita-Praxis kritisch befragt.
Auch die im Kapitel 3 dieser Expertise vorgelegte inhaltsanalytische Auswertung der 16 Bildungspläne der Bundesländer macht auf die komplexe und für die Kita-Praxis zweifellos herausfordernde Diskursivierung der Thematik ’Essen‘ aufmerksam: Auf welchen Diskurs und damit auf welche an sie gerichteten Erwartungen, die in den Bildungsplänen sedimentiert sind, ‚reagieren‘ frühpädagogische Fachkräfte? Nutzen sie Essensituationen für die Wissensvermittlung? Fokussieren sie das gemeinschaftliche Ritual von Mahlzeiten? Nutzen Sie Essenssituationen, um mit Familien ins Gespräch zu kommen? Eröffnen sie Kindern beim Essen Mitsprache- und Mitbestimmungsmöglichkeiten? Oder genießen sie ‚einfach‘ zusammen mit Kindern leckere und ästhetisch ansprechende Gerichte und unterhalten sich dabei mit ihnen über ‚Gott und die Welt‘?
Im Kapitel 4 dieser Expertise wird der aktuelle Forschungsstand zur Thematik aufgearbeitet, wobei zum einen auf ein zusammenfassendes Review von Annerose Willemsen u.a. (2023) zurückgegriffen wurde, das einen Überblick über den internationalen Forschungsstand gibt. Dies wurde von der Autorin und dem Autor dieser Expertise ergänzt durch eine Beschreibung und Systematisierung von empirischen Studien aus Deutschland.
Jedes der drei Kapitel – zu den theoretischen Diskursen, zur Analyse der Bildungspläne und zum Forschungsstand – kann für sich oder in variabler Reihenfolge gelesen werden. Leser:innen können sich somit ausgehend von ihrem Interesse entscheiden, welcher Zugang zur Thematik für sie relevant ist.
Das fünfte Kapitel ist ein zusammenfassendes Fazit, in dem die Autorin und der Autor die von ihnen herausgearbeiteten kritischen Anfragen an die verschiedenen Diskurse rund um das Thema Essen bündeln und zudem in einen Bezug zu den Ergebnissen aus der Analyse der Bildungspläne setzen. Fachkräfte-Teams sollen ermutigt werden, die aufgeworfenen Fragen zu diskutieren, die Herausforderungen und Potenziale von Essenssituationen zu reflektieren und – im Sinne einer professionellen Profilbildung ihrer Einrichtung – ein kita-bezogenes Konzept für die Gestaltung des Essens zu entwickeln, an dem Pädaog:innen, Eltern und Kinder aktiv und partizipativ mitgewirkt haben.