Abstract
Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge sind Kinder und junge Menschen unter 18, die sich in Abwesenheit ihrer Eltern, Verwandten oder gesetzlichen Vormünder in ausländischem Territorium befinden. Globalisierungsprozesse sowie daraus resultierende Konflikte, wirtschaftliche Notlagen, Umweltdesaster und andere Umstände drängen eine wachsende Zahl Minderjähriger dazu anderswo eine bessere Zukunft zu suchen, ohne ihre Familien. Viele dieser Minderjährigen reisen durch Südtirol auf ihrem Weg gen Norden, einige entscheiden sich zu bleiben.
Die Realität die sie hier erwartet ist geprägt von ungenügendem Zugang zu Gesundheitsprävention, (Aus-)Bildung und dauerhaft legalem Aufenthaltsstatus. Sozialarbeiterische Akteure agieren in einem Spannungsfeld zwischen professioneller Verantwortung, öffentlichem Auftrag, politischer Weisung und bürgerschaftlichem Unverständnis. Die Einhaltung der Jugendschutzbestimmungen ist damit trotz des ambitionierten Einsatzes von SozialarbeiterInnen, SozialpädagogInnen und Zivilgesellschaft nur begrenzt möglich und den Preis zahlen die Minderjährigen, die kaum Chance auf ein vollautonomes Leben in regulärer Erwerbstätigkeit haben.
Dennoch bewegen sich unbegleitete minderjährige Flüchtlinge erstaunlich leichtfüßig in einer fremden Gesellschaft und wahren trotz aller Hürden Handlungsfähigkeit und Resilienz. In einer längerfristigen Feldforschung (>6 Monate) begleitet die Autorin den Alltag von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen in einem Erstaufnahmezentrum in Bozen und verwendet die Beobachtungen in diversen Reflexionszyklen zur konstruktivistischen Theoriebildung. Dabei wir der Frage nachgegangen, wie die Jugendlichen ihren Alltag gestalten und verarbeiten und trotz prävalenter Perspektivenlosigkeit ein selbstständiges Leben gestalten. Der aktuelle Forschungsstand lässt darauf schließen, dass Themen wie Identität und Selbstdarstellung, Kommunikation und Sprache, sowie Familie und Herkunftsland zentral sind für die Jugendlichen. Der Wunsch nach besseren Chancen auf Schul- und Berufsbildung steht im Kontrast zu einer zeitweise aufkommenden Lethargie und Weigerung zur Teilnahme an Angeboten.