Abstract
Der hier vorgeschlagene Vortrag möchte die oft gestellte Frage nach dem Verhältnis von Ethik und Ökonomie neu aufgreifen und im Hinblick auf eine mögliche Diagnose der gegenwärtigen Krise hin entwickeln. Die gegenwärtige Krise wird vor allem als Krise der Globalökonomie erfahren, wobei es der Ethik vorbehalten bleibt, die gegenwärtige Art des Wirtschaftens in ihren problematischen Auswirkungen auf die soziale Ge-rechtigkeit und das ökologische Gleichgewicht zu thematisieren. Während die Ethik traditionellerweise das Wissen um die letzten Zwecke menschlichen Handelns ist und die Ökonomie das Wissen um eine möglichst optimale Bereitstellung der Mittel zur Verwirklichung die-ser Zweck, zeigt sich anhand des Phänomens der Globalisierung, dass sich dieses traditionelle Verhältnis verschoben hat – u. z. dahingehend, dass sich ein Prinzip ins Recht setzt, welches das menschliche Handeln in allen Bereichen und auf allen Ebenen unter den Anspruch der Verwirk-lichung eines möglichst optimalen Verhältnisses von Aufwand und Wir-kung stellt. Ökonomie und Informationstechnik sind so gesehen nicht zu-letzt deswegen tonangebende Wissenschaften, weil sie diesem Anspruch in besonderer Weise entgegenkommen und seine Um-setzung dadurch zu fördern wissen, dass sie die Wirklichkeit wertmäßig erschließen. In der Bereitstellung anwendungsorientierter Modelle sucht auch die Ethik entsprechende Wege. Im Rahmen der hier vorgeschlagenen Diagnose soll in einem ersten Schritt gezeigt werden, dass die genannte Verschie-bung des traditionellen Verhältnisses von Ethik und Ökonomie nicht eine Folge der oben genannten Krise ist, sondern wesentlicher Bestandteil derselben. Die Krise der Globalökonomie erweist sich dabei vor allem als Krise einer bestimmten Art der Wirklichkeits-erschließung – nämlich, als Krise einer bloß wertmäßigen Wirklichkeitserschließung. Exemplarisch zeigt sich eine solche „Krise des Verstehens“ (Gedinat, 2012) dort, wo sich menschliches Handeln ausschließlich an Evaluationen, Rankings und Indizes orientiert. Obgleich die modernen Wirtschaftswissenschaften durchaus von sich aus in der Lage sind, die Krise zu analysieren und im Zusammen-spiel mit der Politik als Finanz-, Währungs- oder Bankenkrise zu bekämp-fen, bemerken wir im Zuge des Fortschreitens der Krise ein vermehrtes Interesse an Ethik und eine gesteigerte Nachfrage an Expertise in den Bereichen Wirtschaft-, Sozial- und Umweltethik. Gerade in diesen Berei-chen wird der Leitwert unseres Zeitalters – die Nachhaltigkeit – geprägt und auf seine korrektiven und funktionalen Aspekte hin untersucht. Of-fensichtlich wird von der Ethik also immer noch und trotz der oben an-gezeigten Verschiebung des Verhältnisses von Ethik und Ökonomie eine über die eingeschränkte Analyse der Wirtschaftswissenschaft hinausge-hendes – und in diesem Sinne grundlegenderes – Verständnis der ge-genwärtigen Krise erhofft. Im Hinblick auf die Frage, wie sich ein solches Verständnis bilden kann, sollen in einem zweiten Schritt Quellen aus der Tradition der Ethik vorgestellt werden, die ein genuin ökonomisches Wis-sen offenlegen. Die genannten Quellen bewahren einen für das menschliche Dasein konstitutiven Reichtum, welcher an eine, im Vergleich zu einer ausschließlich wertmäßigen Erfassung der Wirklichkeit, wie sie durch die Entfaltung der modernen Wirtschaftswissenschaft vorgegeben ist, großzügiger und freundlichere – d. h. wirtliche – Ökonomie denken lässt. So gesehen wäre ein genuin ökonomisches Wissen ein Wissen, das über die wertmäßige Erschließung der Wirklichkeit hinaus den eigentlich ethischen Möglichkeitssinn der „oiko-nomia“ anzusprechen weiß.Die hier vorgeschlagene Themenstellung gehört in ein auf drei Jahre angelegtes Forschungsprojekt, das neben der Auffindung und Er-schließung der oben genannten Quellen auch an einer informationstech-nischen Nutzbarmachung und Bereitstellung derselben arbeitet.