Abstract
Als diagnostische Kompetenz von Lehrpersonen wird die Fähigkeit verstanden, lernrelevante Merkmale bei Kindern korrekt einzuschätzen. Sie gilt als wichtige Grundlage für eine adaptive Gestaltung von Unterricht. Im Sportunterricht erscheint die korrekte Einschätzung von motorischen Basiskompetenzen als besonders relevant (Niederkofler, Herrmann & Amesberger, 2018). Studien zur diagnostischen Kompetenz in der Grund- und Sekundarstufe liegen bereits vor. Gleichzeitig ist dieses Thema für den Bereich Kindergarten und Vorschule noch unbearbeitet. Unser Beitrag widmet sich der Frage, wie Kindergartenlehrpersonen aus bewegungsorientierten und regulären Kindergärten das motorische Leistungsniveau ihrer Klasse einschätzen. Anhand des MOBAK-KG-Instruments (Herrmann, Seelig, Ferrari & Kühnis, 2019) wurden die motorischen Basiskompetenzen „Sich-Bewegen“ und „Etwas-Bewegen“ von N = 403 Kinder (46 % Mädchen; M = 5.69 Jahre, SD = .56) aus 25 Kindergartengruppen erhoben (Kühnis, Ferrari, Fahrni & Herrmann, 2018). Parallel dazu schätzten die N = 25 Lehrpersonen (88 % Frauen) das Leistungsniveau der gesamten Gruppe in jedem der gemessenen MOBAK-Testitems (u. a. Balancieren, Dribbeln) ein. Die auf Gruppenebene aggregierten Leistungen wurden mit den Einschätzungen der Lehrpersonen deskriptiv verglichen. Zusätzlich wurden Differenzwerte (geschätzte – getestete Leistung) mittels Regressionen in Bezug zum durchschnittlichen Leistungsniveau und -varianz in der Gruppe gesetzt. Weiterhin wurde geprüft, inwieweit Lehrpersonen eines bewegungsorientierten Kindergartens akkuratere Diagnosen abgeben.Im Allgemeinen überschätzen die Lehrpersonen die MOBAK-Leistungen ihrer Gruppe in den einzelnen Testitems wie in den beiden Kompetenzbereichen deutlich. Deskriptiv stand die Akkuratheit der Diagnosen im Zusammenhang mit dem Leistungsniveau der Klasse (β = -.47 bzw. -.24), nicht aber mit Leistungsvarianz innerhalb der Klasse (β = .04 bzw. -.04). Bei einer höheren mittleren Klassenleistung fielen die Diagnosen präziser aus. Die Lehrpersonen von bewegungsorientierten Kindergärten schätzten die Leistungen nicht-signifikant, jedoch mit mittlerer Effektstärke (d = .49 bzw. .33) präziser ein. Die teilweise deutliche Überschätzung des allgemeinen motorischen Leistungsniveaus der Kinder durch die Lehrpersonen muss kritisch reflektiert werden, da anzunehmen ist, dass auf dieser Basis ein leistungsangepasster und förderorientierter Sportunterricht kaum möglich sein wird.