Abstract
Das einleitende Referat skizziert die Grundlinien eines Forschungsvorhabens, für welches die beiden nachfolgenden Vorträge beispielgebend sind. Das Vorhaben besteht in dem Versuch einer Freilegung und Erschließung von Quellen aus Philosophie und Dichtung, aus Kunst und Wissenschaft, die in unterschiedlicher Weise zu einer neuen Kontextualisierung der Ökonomie beitragen. Auf diese Weise soll zum einen der Bereich ökonomischen Wissens über die Grenzen hinaus erweitert werden, in denen dieses in den modernen Wirtschaftswissenschaften gesehen ist, zum anderen soll das Wissen von der Ökonomie als solcher in Frage gestellt werden. Von hier aus lassen sich Ökonomie und Ethik, sowie deren Verhältnis neu bedenken.
Der Begriff des Unvorstellbaren dient dabei als vorläufiger Orientierungspunkt. Vorstellbar ist solches, das in der Möglichkeit steht, vorgestellt zu werden. Wir können es im Hinblick auf die Bedingungen seiner Möglichkeit befragen. Vorstellungen, das Ökonomische betreffend, können im Hinblick auf diejenigen konstitutiven Sinn-Strukturen befragt werden, welche dem Wissen von der Ökonomie zu Grunde liegen und es letztlich ermöglichen. — Unvorstellbar ist dagegen solches, das nicht in der Möglichkeit steht, vorgestellt zu werden, insofern es selbst der Entzug dieser Möglichkeit ist. Das so verstandene Unvorstellbare kommt damit in der Frage „Was ist Ökonomie?“ zur Sprache. Vorstellungen, das Ökonomische betreffend, können dann im Hinblick auf eine Fragwürdigkeit bedacht werden, die jedes Wissen von der Ökonomie implizit oder explizit bestimmt. Philosophie und Dichtung erweisen sich dabei ebenso wie Kunst und Wissenschaft als Wege, die Frage „Was ist Ökonomie?“ so zu stellen, dass es notwendig wird, das Ökonomische in seiner Fragwürdigkeit und das Fragwürdige selbst als Quelle des Wissens von der Ökonomie freizulegen und zu erschließen. Von hier aus lässt sich eine aus den „nicht-ökonomischen“ Quellen bestimmte ökonomische Ethik denken.
In der genannten Frage liegt die Vorgabe eines freizusetzenden Sinn-Reichtums, von dem der moderne Mensch durch das vorherrschende Wissen, durch das er sich zur Welt und zu sich selbst verhält, zunehmend ausgeschlossen ist. Dies zeigt sich nicht zuletzt in dem Grundcharakter des neuzeitlichen Wissens, den Friedrich Nietzsche als den „Sieg der Methode über die Wissenschaft“ fasst. Im Lichte dieser Diagnose der Wirtschaftswissenschaften verlieren die vorherrschenden Vorstellungen des Ökonomischen ihren ausschließlichen Gültigkeitsanspruch. Das wird im Zusammenhang mit der gegenwärtigen Krise der Global-Ökonomie zwar bereits problematisiert – wie sich anhand der Kritik verschiedener intra- und extra-ökonomischer Diskurse nachweisen lässt –, ohne dass sich daraus aber auch schon die Einsicht in die Notwendigkeit der Frage „Was ist Ökonomie?“ ergibt. Wird das, was Ökonomie ist, im Sinne des hergebrachten Paradigmas vorausgesetzt, verbleibt jede Kritik im Bereich der vorherrschenden Vorstellungen. Diese werden ihrerseits zur Bedingung der Möglichkeit des Wissens von der Ökonomie. Die Freilegung von Quellen aus Philosophie und Dichtung, aus Kunst und Wissenschaft, die zu einer neuen Kontextualisierung der Ökonomie beitragen könnten, ist unter diesen Bedingungen nicht zu leisten; die Erschließung jener Quellen bleibt im Hinblick auf die konstitutiven Sinn-Strukturen, die dem Wissen von der Ökonomie zu Grunde liegen und es letztlich ermöglichen, diesem Fall unfruchtbar. Der Begriff des Unvorstellbaren hingegen, der sich in der Frage „Was ist Ökonomie?“ zeigt, bereitet die Möglichkeit, diese Sinn-Strukturen freizulegen und so die Vorgabe eines noch freizusetzenden Sinn-Reichtums einzulösen.